
Virtuelle Wettkämpfe: Warum die Treadmill-WM keine absurde Idee ist
Laufen hat sich längst in die digitale Welt verlagert – auf Strava duellieren wir uns täglich, Zwift zeigt, wie virtuelle Wettkämpfe funktionieren. Jetzt soll die nächste Revolution kommen: eine offizielle Treadmill-WM! Was steckt dahinter?
Words: Lukas Motschmann
Photos: Florian Kurrasch

Ein neuer Wettkampfansatz sorgt für Diskussionen
Stell dir vor, die schnellsten Läufer:innen der Welt treten nicht auf der blauen Bahn im Olympiastadion oder auf den Straßen von Berlin und Boston gegeneinander an – sondern auf Laufbändern in einer Halle, mit Fans, die auf Bildschirme statt auf die Laufstrecke blicken. Diese Vision könnte schon bald Realität werden: Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics erwägt die Einführung einer offiziellen Treadmill-Weltmeisterschaft. Die Daily Mail berichtete darüber im November 2024.


Neue Möglichkeiten durch die Digitalisierung des Laufsports
Die Idee dahinter? World Athletics möchte den Laufsport demnach weiterentwickeln und an die moderne Fitness- und Technologiewelt anpassen. Laut World Athletics-Chef Jon Ridgeon könnte eine solche Veranstaltung helfen, die "virtuelle Lauf-Community" weiter auszubauen und neue Zielgruppen zu erreichen. Millionen von Menschen trainieren täglich auf Laufbändern in Fitnessstudios oder zu Hause. Warum also nicht diese Sportlerinnen und Sportler in offizielle Wettkämpfe einbinden? So zumindest die Idee des Leichtathletik-Weltverbandes. Jon Ridgeon erklärte dazu gegenüber der Mail Sport: "Es gibt Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, die einfach ins Fitnessstudio gehen und auf dem Laufband laufen. Wir sollten Angebote für diese Menschen schaffen.” Weiter sagte der Leichtathletik-Chef: “Wer 30 Minuten auf dem Laufband läuft ist genauso ein Athlet wie derjenige, der eine olympische Goldmedaille über 100 Meter gewinnt. Es ist alles Leichtathletik." Der Verband hat sich eigenen Aussagen nach von Sportarten wie Rudern und Radfahren inspirieren lassen, wo es bereits virtuelle Events gibt, wie etwa die World Indoor Rowing Championships oder die UCI Esports-Weltmeisterschaften im Radfahren. Diese Events hätten gezeigt, dass Wettkämpfe auf Ergometern und virtuellen Plattformen große Aufmerksamkeit erzielen können.


Wie unterscheidet sich das Laufen auf dem Laufband von klassischen Straßen- und Bahnrennen?
Das Laufen auf dem Laufband unterscheidet sich grundlegend vom klassischen Laufen auf der Straße oder der Bahn. Während Läufer draußen den Vortrieb aktiv selbst erzeugen müssen, wird beim Laufband das Band unter den Füßen weggezogen. Dies verändert die Biomechanik des Laufens: Die hintere Beinstreckung ist weniger ausgeprägt, und die Schrittdynamik unterscheidet sich von natürlichem Laufen. Wer auf dem Laufband trainiert, könnte also bei Wettkämpfen auf der Straße Anpassungsschwierigkeiten haben.
Eine mögliche Folge der Laufband-WM könnte daher sein, dass Trainingsmethoden weiterentwickelt werden müssen, um spezifische Anpassungen an diese Lauftechnik zu ermöglichen. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Effizienz und Muskelbeanspruchung auf dem Laufband könnten neue Erkenntnisse für den Laufsport insgesamt liefern.
Wirtschaftliches Potenzial: Eine neue Industrie rund um das virtuelle Laufen?
Mit dem Aufkommen einer professionellen Laufband-WM könnten sich auch neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen. Sportartikelhersteller könnten spezielle Schuhe für das Laufband-Training entwickeln, die das veränderte Laufgefühl optimieren. Ebenso könnten technologische Innovationen wie interaktive Bildschirme, Sensoren zur Leistungsanalyse oder spezielle Wettkampf-Laufbänder mit präziser Geschwindigkeitskontrolle entstehen. Plattformen wie Zwift haben bereits gezeigt, dass virtuelle Wettkämpfe ein großes Publikum erreichen können. Eine gut organisierte Treadmill-Liga könnte eine neue Sport- und Unterhaltungsindustrie etablieren, in der Sponsoren, Streaming-Plattformen und Technologieanbieter eine zentrale Rolle spielen. Sebastian Coe, Präsident von World Athletics, zeigt sich offen für das Konzept einer Treadmill-WM: "Wir müssen unseren Sport dorthin bringen, wo die Menschen sind. Ob virtuell, per Esports oder auf dem Laufband – wir müssen alles erkunden”, sagte er der Daily Mail.
Die Vor- und Nachteile einer Laufband-WM
Wir laufen ja schon auf Strava gegeneinander – würden wir es jetzt auch im direkten Online-Battle tun? Wie würde so eine Treadmill-WM überhaupt aussehen, wenn doch jedes Gym andere Laufbänder hat? Fassen wir mal ein paar Gedanken in einem Pro und Contra zusammen:
Pro:
- Wetterunabhängige Bedingungen
- Weltweiter Wettbewerb ohne Reisekosten durch digitale Events
- Zugang für Fitnesssportler, die sonst keine Wettkämpfe bestreiten
- Exakte Leistungsanalysen durch moderne Technik
- Potenzial für technologische Innovationen und neue Sportartikel
Contra:
- Aktuell gibt es keine standardisierten Wettkampf-Laufbänder: Unterschiedliche Modelle haben verschiedene Dämpfungssysteme, Geschwindigkeitskalibrierungen und Antriebstechnologien. Ohne eine einheitliche Norm ist ein fairer Wettbewerb schwer umzusetzen, da nicht alle Athlet:innen unter identischen Bedingungen antreten würden
- Fehlende Wettkampfatmosphäre und Zuschauerstimmung
- Unterschiedliches Laufgefühl und andere biomechanische Belastung
- Weniger Taktik durch konstante Geschwindigkeit
- Das viele Schwitzen!

Welche Profis setzen bereits auf Laufband-Training?
Viele Top-Athlet:innen nutzen das Laufband im Training – sei es zur Regeneration, für kontrollierte Tempoläufe oder als Alternative bei schlechten Witterungsbedingungen. Besonders Mittelstrecken-Ass Jakob Ingebrigtsen setzt sehr häufig auf Laufband-Training: „Für mich ist das Laufband viel kontrollierter als das Laufen im Freien. Ich kann ein Tempo einstellen und muss mich nicht mit Wind, Kurven oder anderen Bedingungen auseinandersetzen“, erwähnt er im Interview mit Coros.
Wie sinnvoll ist Laufbandtraining für Amateure?
Für Hobbyläufer:innen bietet das Laufband eine gute Möglichkeit, konstant und wetterunabhängig zu trainieren. Gerade in den Wintermonaten oder bei Verletzungen kann es eine sinnvolle Alternative sein. Zudem ermöglicht es die exakte Steuerung von Geschwindigkeit und Steigung. Jedoch sollte das Laufband-Training nicht komplett das Laufen auf echtem Untergrund ersetzen, da dies eine andere muskuläre Belastung darstellt.
Blick in die Zukunft: Virtual Running als neuer Trend?
Laufen verlagert sich zunehmend in den virtuellen Raum. Plattformen wie Strava und Zwift zeigen, dass sich Sportler:innen nicht nur miteinander vernetzen, sondern auch direkt vergleichen und gegeneinander antreten können. Eine offizielle Laufband-Liga könnte völlig neue Wettbewerbsformate ermöglichen – von digitalen Marathonrennen bis hin zu interaktiven Sprint-Challenges.
Doch so spannend diese Entwicklungen auch sind, eines bleibt sicher: Die Magie eines Live-Wettkampfs mit jubelnden Fans und der unvorhersehbaren Dynamik eines Straßenrennens kann durch kein noch so ausgeklügeltes Laufband-Event ersetzt werden.
Oder was meint ihr dazu?
